Spektakuläre Speisen mit atem­beraubender Aussicht

Bedingt durch die erschwerten Bedingungen bei Auslandsreisen sind viele Besucher der Insel Sylt bereits bei der Buchung ihres Urlaubs einen Kompromiss eingegangen. Besonders die Menschen, die es gewohnt sind, ihren Urlaub im Süden zu verbringen, wissen bei der Entscheidung dafür, dass sie ihre schönsten Tage im Jahr bei höheren Temperaturen und mehr Sonnenstunden verbringen werden, als sie es zu Hause tun würden.

Wenn diese Menschen jetzt der Bequemlichkeit wegen in Deutschland bleiben, dann ist das erstmal okay. Wenn sie aber das südliche Klima auf einer Nordseeinsel suchen, werden sie eine herbe Enttäuschung erleben.

Genauso würde es im Übrigen auch dem Sylt-Fan ergehen, wenn man ihn aus technischen Gründen überreden würde, seinen Urlaub, sagen wir mal, in Tunesien zu verbringen.

Beide würden enttäuscht und mit trotziger „nie-wieder”-Stimmung die Rückreise antreten. Deshalb mein dringender Appell an alle Sonnenanbeter und Fernreisenden: Bucht nicht die Nordsee und schon gar nicht die nördlichste deutsche Nordseeinsel. Ihr werdet hier keinen befriedigenden Urlaub finden! Bei Reisen in den Süden zwingen einen die hohen Temperaturen in den Sommermonaten fast zur Regungslosigkeit. Zum Pool oder an den Strand, Buch raus und erholen und entspannen.

Wenn am Abend die Temperaturen sinken und die Schatten länger werden, gerne noch etwas landestypische Kulinarik und vielleicht noch ein bisschen flanieren und ein wenig Party. Aber alles easy und den Temperaturen entsprechend. Auf Sylt zum Beispiel herrscht fast das ganze Jahr Westwind. Wenn man auf die Landkarte schaut, was im Westen von Sylt liegt, dann ist das in erster Linie Wasser. Selbst an sehr heißen Tagen hat dieser Westwind eine lange Strecke über Wasser hinter sich. Diese kühlt den Wind und an heißen Tagen ist das sehr erfrischend. Die heißen Sommer sind in Deutschlands Norden, trotz Klimawandel, eher selten. Das, was in der Hitze erfrischt, wirkt bei durchwachsenem Wetter dann eher kühl. Diese Kühle animiert zur Aktion. Natürlich kann man auch am Strand liegen, aber dann meist windgeschützt im Strandkorb, aber tatsächlich macht es an solchenTagen viel mehr Spaß, mit dem Rad die Insel zu erkunden, mit dem Hund den Ellenbogen oder die Wiesen in Tinnum zu entdecken, das Rantumer Becken zu umrunden, von Hörnum oder List aus auf einem Schiff die Seehundbänke zu besuchen, die Wattseite kennenzulernen, Golf zu spielen, in Westerland oder Kämpen zu shoppen, in der Kupferkanne Kaffee zu trinken oder über dem Flughafen mit dem Fallschirm aus einem Flugzeug zu springen.

So oder ähnlich sieht ein Sylt-Urlaub aus. Wen wundert’s, dass die Sonnenanbeter damit überfordert sind. Nach einem aktionsgeladenen Tag freut man sich auf ein gutes Abendbrot. Und hier beginnt das zweite Dilemma derjenigen, die Sylt nicht gewohnt sind. Stammgäste wissen, dass man sich im Sommer auf Sylt organisieren muss. Ohne Reservierung bekommt man im Sommer nur Plätze in Restaurants, in denen man eigentlich nicht essen möchte. Deswegen baut der erfahrene Sylt-Kenner vor und reserviert seinen Tisch im Voraus. Oft schon ein Jahr, nämlich dann, wenn er das Restaurant verlässt, reserviert er den Tisch fürs nächste Jahr. Spontanere Zeitgenossen reservieren in ihren Lieblingsrestaurants ganz spät. Also erst vier oder fünf Wochen vor der Anreise. Also kein Stress, und das Abendessen wird zu einem Treffen mit einem alten Bekannten, dem Gastgeber.

Sylt-Neulinge oder Verlegenheitstouristen wissen das nicht und versuchen verzweifelt, in der Hochsaison einen Tisch in einem der angesagten Restaurants für denselben Abend zu buchen. Ich kann mir vorstellen, dass die Antwort, dass erst in sechs Wochen wieder was frei ist, irgendwie ernüchternd wirkt. Allerdings ist das keine Folge einer Pandemie, das war auch vor 5, 10 oder 20 Jahren so.

Aber spätesten hier fängt der Urlauber, der eigentlich sowieso nicht nach Sylt wollte, an die Insel zu hassen. Abend für Abend den Papp der amerikanischen Fast-Food-Ketten essen zu müssen, ist für einen erwachsenen Menschen wirklich kein Urlaub.

Vielleicht sind Sie ein erfahrener Sylt-Fan und erkennen in diesen Zeilen, wie fabelhaft es ist, wenn auf dieser Insel Urlaub machen und sich bis zum nächsten Urlaub nicht nur an der Natur sattsehen darf, sondern auch noch die fantastisch saubere Luft, die durch Tausende Kilometer über den Atlantik gereinigt wurde, einatmen und dadurch Lunge und Körper ebenfalls reinigen und abhärten darf.

Vielleicht sind Sie aber auch der arme Zeitgenösse, den es durch Widrigkeiten und gegen seinen Wunsch auf diese Insel verschlagen hat, und der nach einem grauen Spaziergang über die Friedrichstraße im Nieselregen jetzt auf seiner Bettkante sitzt und bei dem Versuch, einen Platz in einem Restaurant zu ergattern, eine Absage nach der anderen kassiert und bei jeder Absage den Gedanken pflegt „nie wieder Sylt!”. Spätestens hier hat sich das Lesen dieses Artikels gelohnt, denn ich würde Ihnen gern einige wichtige Tipps geben, wie Sie das ganze Dilemma in etwas Fantastisches wandeln können.

Hier meine Tipps:

Frühstücken Sie spät und dinieren Sie früh.

Die meisten Restaurants der Insel haben vor dem richtigen Run immer noch die Möglichkeit, einen Tisch unterzubringen. Das kann durchaus schon um 16 oder 17 Uhr sein. Selbst in den Super-Hotspots wie der Sansibar bekommen Sie um 16 Uhr noch problemlos einen Tisch und der Service ist am Nachmittag noch aufmerksamer, als er es am Abend ist.

Nutzen Sie spätestens den Tag Ihrer Anreise dazu, alle Restaurantreservierungen für die ganze restliche Reisezeit zu absolvieren. Das geht schneller, als Sie denken, wenn Sie den Gastronomen die Zeit Ihres Erscheinens wählen lassen. Das bedeutet auf der einen Seite natürlich, dass Sie jeden Tag in einem engen Zeitfenster agieren, weil der Tisch im Restaurant ja bereits gebucht ist, aber auf der anderen Seite sehr entspannend, weil man sich um nichts mehr kümmern muss. Und falls eine andere Aktivität sich so verzögert, dass man es nicht mehr bequem ins Restaurant schafft, dann gibt es ja immer noch das Handy. Hier muss man der Fairness halber sagen, dass das Nichterscheinen in einem Restaurant ohne abzusagen eine große Sauerei ist, denn ein Tisch, der nicht storniert wird, wird auch nicht an andere Gäste vergeben. Man wartet so lange auf den Reservierenden, bis das Zeitfenster zu klein geworden ist, um den Tisch anderweitig zu besetzen. Deshalb immer, wenn man nicht rechtzeitig zum Essen erscheinen kann oder den Tisch stornieren möchte, so früh wie möglich den Gastgeber anrufen. Er wird Ihnen nicht den Kopf abreißen, sondern versuchen, eine für alle Seiten positive finden. Nicht erscheinen, ohne zu stornieren, ist wie Diebstahl am Gastronomen.

Wenn Sie Tische auf Sylt reservieren, gehen Sie nicht nur nach der Karte oder der Reputation, gehen Sie auch nach der Lage. Die schönsten und erinnerungswürdigen Abendessen auf Sylt werden oft durch die spektakuläre Aussicht auf die Nordsee zu etwas wirklich Besonderem. Die Sonne geht auf Sylt am Weststrand unter und gerade das eher wilde und tosende Wasser der Nordsee macht die Abende und besonders die Sonnenuntergänge zu einem atemberaubenden Spektakel. Obwohl der direkte Blick auf die Nordsee jedes halbwegs vernünftige Restaurant in der Hauptsaison, ohne viel Anstrengung auf Gastgeberseite, schon allein wegen der einzigartigen Lage füllen würde, wird man in einigen Restaurants dieser elitären Gruppe selbst in dieser Zeit mit herausragender Qualität überrascht. Die Gastgeber dieser Häuser denken weiter. Nach der Hauptsaison folgt die Nachsaison und nach der Nachsaison folgt die Wintersaison, und auch wenn in diesen Zeiten der Blick auf das Meer beim Essen noch beeindruckender ist und die Sonnenuntergänge noch malerischer sind, so ist doch die Insel nicht so gefüllt wie in der Hauptsaison. Und bei keinem Restaurant, welches in der Hauptsaison unterdurchschnittlich abliefert, wird man in den Nebensaisons überdurchschnittliche Leistungen erwarten. Die braucht man aber, um auf Sylt das ganze Jahr lang gut besucht zu sein. Deswegen wird man auch in vielen der Top-Locations in Sachen Nordseeblick mitten inder Hochsaison sowohl von hoher Qualität, sehr gutem Service und extrem überschaubaren Preisen überrascht.

Aufgrund seiner lässigen Atmosphäre und seiner konsequent guten Küche hat sich das Restaurant Beach House am südlichen Teil des Westerländer Strandes zum Liebling der Szene gemausert. Jan Scharfe, der Gastgeber dort, agiert charmant und unaufgeregt durch die Saison und überträgt seine entspannte Aura gleichermaßen auf sein Personal wie auf seine Gäste, ohne dass einen Augenblick die Qualität von Speisen oder Service darunter leiden. Um das Restaurant zu erreichen, muss man einige Treppenstufen erklimmen. Aber das, was sich anfangs vielleicht wie ein Nachteil anhört, ist der Grund für den wohl spektakulärsten Ausblick auf die Nordsee. Die wenigen Stufen vom Strand zum Restaurant verändern den Ausblick unverhältnismäßig stark.

Ein ganz heißer Tipp ist auch das Restaurant Badezeit, etwas weiter nördlich zwischen Beach House und Hotel Miramar gelegen. Das Ambiente dort ist etwas nüchterner, der Ausblick nicht ganz so spektakulär, jedoch völlig unverbaut; aber Senvice und Küche sind ebenfalls überdurchschnittlich gut.

Noch weiter nördlich am Weststrand findet man das Restaurant Seenot. In der jüngeren Vergangenheit viel diskutiert und besonders in den sozialen Medien durchweg gut besprochen, sind die verfügbaren Plätze in diesem Restaurant zu einem seltenen Gut geworden. Es empfiehlt sich, besonders frühzeitig zu reservieren. Hier kann man auch, ohne sich Gedanken machen zu müssen, für zwei Termine reservieren und zweimal diesen „place to be” besuchen. Andere Sylt-Besucher werden Sie sehr darum beneiden.

Wenn Sie in einem dieser Restaurants oder bestenfalls in allen drei Restaurants einen Abend mit Sonnenuntergang bei stürmischer See genießen durften, werden Sie verstehen, warum so viele Menschen Sylt für den schönsten Platz auf diesem Planeten halten und Jahr für Jahr ihre schönste Zeit hier verbringen und nicht verstehen können, wie man diese Schönheit und diese gewaltige Natur gegen ein bisschen Schwitzen im Süden eintauschen könnte.

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